Seit meinem fast 4-wöchigen Krankenhaus-Aufenthalt im Oktober 2005 bin jeden Tag auf’s Neue geschockt oder frustriert, was alles nicht mehr geht — vieles ist nicht mehr selbstverständlich, geht nicht mehr: “nie wieder” oder “erstmal” lange nicht, wer weiß…
…ich kann nicht mehr lange sprechen, dann kippt der Hals zu (Stimmbandkrämpfe/Laryngospasmus) und ich habe Atemnot oder Erstickungsanfälle, d.h. ich kann nicht länger als 5 – 10 Minuten am Stück reden, dann bricht erst die Stimme weg, evtl. kippt der Hals in einem Krampf total zu — meine Hauptberufe waren: Sozialarbeiterin, Coach und Dozentin, Folge: ich kann nicht mehr lange unterrichten und nicht mehr lange beraten. Was soll ich nun beruflich machen?
Ich war mal Call-Center-Agent während meines Studiums: beruflich bedingtes langes Kommunizieren ist vorbei.
Ich war mal Briefträgerin als Aushilfe während meines Studiums: eine schwere Karre voller Post durch die Gegend ziehen, ist vorbei.
Ich habe ein IHK-Zertifikat und dürfte als Bewacherin, Kaufhaus-Wachpersonal oder Objektschützerin arbeiten, ABER ich kann auch dies nicht mehr: Gebäudesicherung geht einher mit dem Wechseln von Luftverhältnissen drinnen und draussen, mit Etagen-sichern = Treppensteigen, und ich kann das alles nicht mehr ohne Anfall-Gefahr. Zudem: sollte ich hinter einem Flüchtenden her sprinten müssen, komme ich 10 Meter weit, dann brech ich in einem Atemnot-Anfall zusammen.
Laufe ich in die S-Bahn, wenn die Türen sich gerade schließen, krieg ich einen Atemnot- bzw. Erstickungsanfall sofort danach im Abteil.
Ich darf nicht mehr Schwimmen, da ich, wenn ich Wasser an die Stimmbänder bekomme, einen Luftnot-Anfall damit auslösen und dann ertrinken könnte.
Tauchen und Schnorcheln darf ich also auch nie wieder, mein geliebter Traum, mein seelenvolles Hobby: Vorbei.
Klar hatte ich auch andere Hobbies, aber: Ich darf/kann kein Rad/Mountainbike mehr fahren, da Anstrengungen fast aller Art das Asthma (es besteht immer noch Verdacht auf Asthma bronchiale) oder auf jeden Fall die VCD auslösen.
Ich kann nicht mehr gefahrlos einfach alles essen oder trinken, ich muss auf Kälte/Hitze oder Schärfe/Bitterkeit achten, und auf die Konsistenz, z.B. schleimen Milch oder Schokolade zu sehr, oder der Reflux wird durch bestimmtes Ess-Verhalten ausgelöst und schwappt nach oben, und die reflux-getriggerte Tracheobronchitis knallt mit einem Hustenanfall gegen die Stimbbänder, rumms: dicht, Luft weg!
Ich kann nicht vernünftig Einkaufen gehen, da das nach-hause-tragen von Tüten um die 2 Kilo zu belastend ist. Ich bin 36 und könnte in so einem Moment einen Zivi gebrauchen. Hölle.
Ich kann fast gar nicht mehr in meine geliebten Cafes oder Discos bzw. nicht mehr in Cafes oder Discos mit Zigarettenrauch, schlechter Lüftung oder Nebelmaschinen. Alles Reizfaktoren, die asthmatische Schübe oder vor allem das VCD auslösen.
Tanzen, um sich aus-zu-powern nach einer frustrierenden Woche? Ist eine körperliche Anstrengung und geht so gut wie gar nicht mehr.
Ich habe manchmal sogar schon VCD-Anfälle morgens beim Duschen, wenn zuviel Wasserdampf entsteht.
Ich komme kaum eine Steigung und kaum einen Berg rauf ohne Anfall, komme in keine 4. Etage ohne Anfall (ich wohne im Dachgeschoss, daher weiß ich täglich um diesen Kampf: einfach nach unten zum Postkasten und wieder rauf zu gehen ist eine ernsthafte Abwägung geworden, denn nach dem dann meist eintretenden Anfall bin ich psychisch fertig und körperlich zudem eine Stunde mega-erschöpft).
Sex — es gibt vieles, was sexuell nicht mehr geht. Es gibt doch diesen Spruch “Kommen & dann sterben — was gibt es Schöneres ?”, lach, ja, ok, aber nicht mit 36 !
Ich kann nichtmal mit mit meinem Hund laufen oder richtig toben… es ist die Hölle.
Durch den Unter- oder Überdruck beim Husten und den Atemnot-Anfällen habe ich oft das Gefühl, mir explodiert der Brustkorb, es knackt manchmal richtig, wahrscheinlich in den Rippen, keine Ahnung. Die Folgen sind jedenfalls tagelange Schmerzen wie bei Zerrungen oder Rippenblockaden, ich kann mich dann nicht mehr bücken oder strecken ohne Schmerzen, nicht mehr gut allein anziehen, komme aus dem Liegen nicht hoch, und weitere Husten- oder Atemnot-Schübe sind dann extrem schmerzhaft, als würde jemand an der Zerrung reißen, etc. etc. — es ist zermürbend.
Bei meinem Zahnarzt sind bestimmte Behandlungen nicht mehr möglich, weil beim Absaugen von Spucke oder beim Herumfliegen von Bohrstaub der Laryngospasmus ausglöst werden kann, und dann habe ich einen Erstickungsanfall auf dem Zahnarzt-Stuhl — das ist meinem Zahnarzt zu risikoreich. Was nun?
Täglich und nächtlich gibt es was Neues, wo ich denke: oh nein, DAS geht AUCH nicht mehr !?
Jetzt muss ich überall rumrennen, in dem Zustand:
Logopäde, HNO, Bronchialheilkundler, Hausarzt, JobCenter, Versorgungsamt, Krankenkasse, Psychologe (ich bin doch nicht verrückt und verzichte auf psychologisches Coaching in so einer Umbruch-Situation, nee nee, da geh ich -egal wie- regelmäßig hin), und muss/will Wege finden: REHA- und Umschulungsberatung, Sportbund (was kann man noch mit so einem Krankheitsbild für die körperliche Fitness tun, wenn man schon nach 20 mal Trampeln vom Trimmrad fällt?)…
Ich habe meinen Job als Dozentin am Berufskolleg verloren,
ok, was nun?
Eine Arbeit finden, wo noch was zu arbeiten geht?
Ich bin langfristig krank geschrieben, das Versorgungsamt prüft meinen Fall noch wegen meinem Schwerbehindertenausweis. Von meinen aktuellen 345 Euro Sozialgeld kann und will ich nicht leben ! Aber: Mit den ganzen Sympthomen nimmt einen doch keiner, KANN einen auch fast keiner nehmen/gebrauchen.
Es war auch vorher alles schon oft schlimm und anstrengend genug in meinem ereignisreichen Leben, aber jetzt? Carpe diem — mach das Beste daraus, sage ich nur. Es hat alles eine höheren Sinn, den ich nur noch nicht verstehe. Aber bald…